Kontaminiertes Erbe?

NS-zeitlich belastete Liegenschaften des BIG Konzerns


Viele historisch belastete Orte und Landschaften sind in der öffentlichen Wahrnehmung kaum bekannt. Während zentrale Orte des Verbrechens, wie das Konzentrationslager Mauthausen, im öffentlichen Gedenken präsent sind, gibt es noch immer große Forschungslücken bei Gebäuden, die das NS-Regime als Verwaltungsgebäude genutzt hat. Einige dieser Gebäude gehören heute der ARE Austrian Real Estate, einer Tochtergesellschaft der BIG. 

Das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, für Kriegsfolgenforschung, das sich in einem österreichweiten Wettbewerb durchgesetzt hatte, hat unter der Leitung von Barbara Stelzl-Marx mit dem Projekt „Kontaminiertes Erbe?“ dazu beigetragen, diese Geschichte ein Stück weit sichtbar zu machen. Das Projekt wurde in Kooperation mit der Universität Graz durchgeführt.

Am Beginn steht eine Pilotstudie, die ausgewählte Liegenschaften untersucht. Auf Basis dieser Forschung wurde ein Kriterienkatalog entwickelt, um eine größere Anzahl von Gebäuden zu bewerten. Gleichzeitig wird eine Methode erprobt, um NS-belastete Objekte im Immobilienportfolio der BIG zu identifizieren, die Ergebnisse sinnvoll zu präsentiere und ein Vermittlungsprogramm zu gestalten. 

Die ersten Ergebnisse lagen im Gedenkjahr 2025 vor. Mit dem erfolgreichen Start des Forschungsvorhabens und dem Vorliegen des Endberichts zur Pilotstudie sind vielversprechende Entwicklungen für die systematische Aufarbeitung und Vermittlung der Historie der Liegenschaften im BIG Konzern zu erwarten.

Weitere Informationen:

Projektseite des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung: https://bik.lbg.ac.at/forschung/programmlinie-weltkriege/kontaminiertes-erbe-der-bundesimmobiliengesellschaft 
Georeferenzierten Karte (in Arbeit): 
https://kontaminiertes-erbe-bik.lbg.ac.at 
 

Untersuchte Gebäude

Aufgrund der großen Anzahl an Liegenschaften, die heute unter der Bezeichnung Amtsgebäude geführt werden und mit einem Baujahr vor 1945 dokumentiert sind, musste eine weitere Reduktion der zu erforschenden Objekten für das Pilotprojekt getroffen werden. 

Zunächst fand die Eingrenzung durch die geografische Lage – Wien (und Umgebung) sowie Steiermark – statt und in einem nächsten Schritt durch die Quadratmeteranzahl ab 500 m². 

Letztere begründet sich durch die Vermutung von einer besseren Quellenlage im Fall von größeren Gebäuden und Liegenschaften. 
Wien als Hauptstadt und die besondere Bedeutung der Steiermark im Nationalsozialismus sind der Grund für die Wahl der beiden österreichischen Bundesländer.

Hier finden sich exemplarische Gebäude aus dem städtischen und ländlichen Bereich, deren Nutzung bzw. Funktion im Nationalsozialismus verbrecherische Handlungen sehr wahrscheinlich machten, aber durchaus auch zum Teil bereits Indizien für solche vorlagen.

Im Rahmen der Pilotstudie führte das Forschungsteam an vier Gebäuden beispielhaft vor, wie sich eine vertiefende Analyse darstellt. 

Gerichtsgebäude in Deutschlandsberg

Nach dem „Anschluss“ Österreichs im Jahr 1938 wurden die Bezirksgerichte in Amtsgerichte umgewandelt – so auch in Deutschlandsberg. Das Gericht war ein zentraler Bestandteil des lokalen nationalsozialistischen Herrschaftsapparats. Im Rahmen der Pilotstudie konnte aufgezeigt werden, welche konkrete Rolle das Gericht während der NS-Zeit einnahm, wie sich seine Zuständigkeiten veränderten und wie eng das dort tätige Personal zwischen 1938 und 1945 in das NS-Regime verstrickt war.

Bereits in den Tagen unmittelbar nach dem „Anschluss“ im März 1938 entwickelte sich das Bezirksgericht zum zentralen Ort der Inhaftierung tatsächlicher und vermeintlicher Gegnerinnen und Gegner des Nationalsozialismus im Bezirk Deutschlandsberg.

Das amtsgerichtliche Gefängnis in Deutschlandsberg spielte von Beginn bis zum Ende der NS-Herrschaft eine besondere Rolle im Repressionsapparat des NS-Staats. Es wurde nämlich nicht nur als Gerichtsgefängnis, sondern auch als Polizeigefängnis genutzt. Inhaftierungen wurden zu einem großen Teil von der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg und der Geheimen Staatspolizei verfügt und koordiniert. 1945 wurden der SS sogar zwei Arrestzellen zur freien Verfügung übergeben.

Zahlreiche tragische Einzelschicksale, die sowohl das Unrechtsregime als auch die Rolle von Denunziationen aus der Zivilbevölkerung belegen, konnten recherchiert werden und sind im Bericht dokumentiert.

Paulustor Graz

Das Paulustor ist ein bedeutendes Denkmal der Stadtgeschichte Graz. Doch sein dunkles Kapitel lag weitgehend im Verborgenen: 1938, im Zuge der Reorganisation der österreichischen Polizei, besetzte die Grazer SA und SS die Polizeidirektion am Paulustor. Die Sicherheitsdirektion für die Steiermark wurde zur Geheimen Staatspolizei. Die Gestapo Graz wurde am Parkring 4 installiert – ein Gebäude, das zu dem Komplex bis heute dazugehört. Das Gebäude Paulustorgasse 8 beherbergte die Schutzpolizei, die Kriminalpolizei und den Polizeipräsidenten. In der Paulustorgasse 10 befand sich die polizeiliche Erfassungsstelle für den Reichsarbeiterdienst und die Wehrmacht.

Die Dimension des Terrors in Graz ist anhand der Taten in diesem Gebäudekomplex deutlich sichtbar. Es fanden Folterungen, Misshandlungen, Erzwingen von Geständnissen und verschiedenartige andere Schikanen statt. 

Schloss Altkettenhof

Das Schloss wurde im 13. Jahrhundert im Ortsteil Alt-Kettenhof errichtet und im Laufe der Jahrhunderte mehrmals unter wechselnden Eigentümern erweitert. 

1938 schenkte der damalige Besitzer Eugen Dreher das Schloss der Stadt Schwechat. Der von der NSDAP nach dem „Anschluss" Österreichs ernannte Bürgermeister von Schwechat Josef Rupprecht schenkte anschließend das Gebäude der Deutschen Arbeitsfront, die die erste Gauführerschule der „Ostmark" dort einrichtete. Während des Zweiten Weltkrieges befand sich im Schloss ein Lazarett. 1945 wurde das Gebäude von der Roten Armee als Stabsquartier und Kaserne übernommen. Nach 1955 kam das Gebäude in den Besitz der Gemeinde Schwechat und später des Bundes.

Nach der Instandsetzung des Gebäudes wurde im Jahr 1960 das Bezirksgericht dort eingerichtet und 1964 die Justizschule eröffnet. Das denkmalgeschützte Gebäude wird auch aktuell als Bezirksgericht und Justizschule genutzt.

Mercurbank

Im Jahr 1909 zog in das Gebäude auf der Wollzeile 1-3 in Wien die Hauptfiliale der Mercurbank ein. In den 1930er Jahren kooperierte sie durch ihren Mehrheitsaktionär, der Dresdner Bank, stark mit den Nationalsozialisten. In der Pilotstudie wird dargelegt, wie sich aus wirtschaftlichen Beziehungen nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland auch in Österreich bereits politische und ideologische Verstrickungen systematisch entwickelten. Die Bank wurde bereits ab 1934 „arisiert" bzw. „germanisiert", indem beispielsweise jüdische Vorstandsmitglieder aus ihren Posten gedrängt und mit NSDAP nahestehenden Personen ersetzt wurden.

1938 wurde die Mercurbank schließlich mit der Länderbank zusammengeschlossen. Diese verwaltete die geraubten jüdischen Vermögen und betreute die Konten diverser nationalsozialistischer Institutionen. Die Dresdner Bank galt inoffiziell als „SS-Bank".  Die geraubten Vermögen von Wiener Jüdinnen und Juden gelangten auf die Konten der Länderbank und auch das Büro von Adolf Eichmann legte das Geld aus den Zwangsverkäufen oder den konfiszierten Vermögenswerten der Israelitischen Kultusgemeinde hier an. Die „Zentralstelle der jüdischen Auswanderung" hatte bei der Länderbank ebenfalls ein Konto. Als die Gestapo Wien hier ihr Konto auflösen wollte, konnten NS-Funktionäre der Bank intervenieren und die von der Reichsbank verwalteten Konten des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS zur Länderbank transferieren. Nach dem Krieg ging sie in die staatliche Österreichische Länderbank AG über, die gemeinsam mit anderen Geldinstituten zur Bank Austria fusionierte.

Wissenschaftlicher Beirat

Ein internationaler Fachbeirat stellte die Qualität der Forschung sicher, bewertete regelmäßig den Fortschritt und gab Empfehlungen ab.

  • Danielle SPERA, Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats
    Kommunikationswissenschaftlerin und Journalistin
     
  • Elizabeth ANTHONY
    United States Holocaust Memorial Museum
     
  • Awi BLUMENFELD
    Leitung Institut Jüdische Religion an der KPH Wien/Krems, Vorstand der historischen Kommission Conference on Jewish Material Claims against Germany in Tel Aviv / Wien / Berlin
     
  • Barbara GLÜCK
    Leiterin Mauthausen Memorial
     
  • Peter HÖFLECHNER
    BIG Konsulent, Immobiliensachverständiger
     
  • Edward VAN VOOLEN
    Kunsthistoriker und Rabbiner, Amsterdam / Berlin

Gruppenfoto v.l.n.r.: Gerald Beck (BIG), Edward van Voolen (Fachbeirat), Peter Höflechner (Fachbeirat), Barbara Glück (Fachbeirat), Awi Blumenfeld (Fachbeirat), Danielle Spera (Fachbeirat), Christine Dornaus (BIG), Mathias Egger (BIK), Barbara Stelzl-Marx (BIK), Markus Roschitz (BIK), Julia Köstenberger (BIK), Lukas Schretter (BIK)

Interviews und Statements

Christine Dornaus und Gerald Beck: „Als BIG übernehmen wir umfassende Verantwortung für unsere Häuser. Das betrifft selbstverständlich bauliche Aspekte wie die gezielte Modernisierung und Dekarbonisierung unserer Bestandsgebäude. Gleichzeitig haben wir auch die große gesellschaftliche Verpflichtung, uns mit der Geschichte unserer Häuser auseinanderzusetzen. Das Forschungsprojekt ‚Kontaminiertes Erbe?‘ ist ein weiterer wichtiger Schritt, diese Verantwortung wahrzunehmen.“

Edward van Voolen, Kunsthistoriker und Rabbiner in Amsterdam / Berlin, betont im Gespräch mit Danielle Spera, dass eine der wichtigsten Lehren aus dem Nationalsozialismus ist, die Menschlichkeit und Würde jedes Einzelnen zu erkennen und zu achten – unabhängig davon, wie jemand aussieht, woher er kommt oder welchen kulturellen Hintergrund er hat. Jeder Mensch verdient Respekt und gleiche Rechte, allein aufgrund seines Menschseins.

 

Heuer jährt sich das Ende des Krieges und der Beginn der Zweiten Republik zum 80. Mal. Im Interview mit Danielle Spera spricht die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthause Barbara Glück darüber, was die NS-Vergangenheit mit uns zu tun hat und welche zentrale Rolle Gebäude als Träger und Vermittler von Wissen spielen. Barbara Glück ist Historikerin und Expertin im Bereich der NS-Geschichte und Erinnerungskultur. Ihre Arbeit und ihre Perspektiven tragen maßgeblich dazu bei, das Bewusstsein für die NS-Vergangenheit zu schärfen und historische Bildung weiter zu fördern.

 

Wie gestalten wir unser Heute, unser Jetzt im Bewusstsein der Vergangenheit? Der Historiker Awi Blumenfeld erklärt im Interview mit Danielle Spera, warum uns ein Schlussstrich in der Geschichte nicht weiterbringt. Warum Ritterrüstungen bedeutsam sind in der Gegenwart und wie uns Wissen helfen kann, das Heute positiv zu gestalten. Awi Blumenfeld ist ein Historiker, der sich auf die moderne jüdische Geschichte und insbesondere auf die Zeit des Holocausts spezialisiert hat. 

 

Kaum jemand kennt die Liegenschaften der BIG so gut wie Peter Höflechner. Der Immobilienexperte war 29 Jahre für die BIG tätig und trägt entscheidend zum Erfolg des Projekts „Kontaminiertes Erbe? NS-zeitlich belastete Liegenschaften der Bundesimmobiliengesellschaft“ bei. Im Interview erklärt er, wie er zu diesem Projekt steht und welche Rolle Gebäude als Zeugen der Vergangenheit spielen. 

 

Im Interview erklärt Barbara Stelzl-Marx, Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Uni Graz und Leiterin des BIK, warum es wichtig ist, historische Lücken zu schließen – und was wir daraus für die Gegenwart lernen können.

 

Die Geschichte kennen, verstehen und vermitteln

Hans-Peter Weiss und Danielle Spera sprechen im Interview mit Lucia Malfent über die Bedeutung und Dringlichkeit, ein umfassendes Projekt zur Erforschung der nationalsozialistischen Vergangenheit der Gebäude im BIG-Portfolio zu starten.

Ziel ist es, bestehende Wissenslücken zu schließen und ein vollständiges Bild der Geschichte zu zeichnen.